Buchkritik

von Prof. Dr. em. Hans Marnette, 12.08.2002:

Rolf Hoth analysiert die bisher in Theorie und Praxis enorm unterschätzten, faktisch wissenschaftlich nicht untersuchten Menschheitsinteressen in ihrer Objektivität, Komplexität, Einheit und Erkennbarkeit, und er weist vor allem ihre zentrale, ja wahrhaft überragende Rolle für jede humane Politikgestaltung, für die Lösung der sich verschärfenden Menschheitsprobleme, für das real erreichbare Ziel eines menschenwürdigen, dauerhaft naturverträglichen Lebens aller Menschen nach. Das ist angesichts der entstehenden Weltgesellschaft mit ihren immer stärkeren Verflechtungen und Abhängigkeiten der Völker und Länder, angesichts der Realität der Existenzgefährdung des Menschen durch sich selbst von enormer theoretischer und praktischer Bedeutung.

Sein überzeugender Nachweis, dass Subjektivismus und Konformismus in vielen gesellschaftlichen Bereichen, besonders in der Politik, entscheidend der Erkenntnis und Umsetzung der Menschheitsinteressen entgegenstehen und daher ebenfalls in ihren Ursachen, Erscheinungsformen, Methoden komplex untersucht werden müssen, um sie und ihre Wurzeln eindämmen und stufenweise reduzieren zu können, trifft zweifellos ebenfalls eine zentrale Frage unserer Epoche.

Sein Buch ist auch ein wesentlicher Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem Niedergang des Realsozialismus und dessen Ursachen. R. H. deckt beweiskräftig auf, dass Subjektivismus und Konformismus entscheidende Systemfehler dieses welthistorischen Versuches, die gesellschaftlichen Antagonismen zu überwinden, waren, und dass beide bis heute von der Linken, einschließlich der PDS noch längst nicht ausreichend erkannt und aufgearbeitet sind und daher weder in den eigenen Reihen noch in der Gesellschaft insgesamt systematisch und wirkungsvoll bekämpft werden. Erfreulich, dass der Autor dabei eindeutig zwischen der Realität und Praxis des Realsozialismus sowie der nach wie vor notwendigen Idee des Sozialismus unterscheidet.

Diese gehaltvollen Ergebnisse erreicht Rolf Hoth auf Grund seiner überzeugenden Untersuchungsweise: Er betrachtet seine Gegenstände in ihrer Veränderung und historischen Entwicklung, in ihrer Dialektik von Wesen und Erscheinungsformen, von objektiven und subjektiven Faktoren. In hohem Maße berücksichtigt er die mehrschichtige Komplexität der realen Interessen, einmal in ihrer Einheit und Differenziertheit von individuellen, Gruppen-, Völker- und Menschheitsinteressen, zum anderen in der Wechselwirkung und Durchdringung von ökonomischen, politischen und weiteren Interessen.

Der Autor gelangt zu realen konkreten Vorschlägen, auf welchen Wegen und mit welchen Methoden die Menschheitsinteressen erforscht, formuliert und zu einem gesellschaftlichen Konsens gebracht werden können. Seine These, dass damit eine unerlässliche, wesentliche Grundlage für das notwendige zielklare, sowohl global einheitliche als auch regional und lokal spezifische Handeln der Menschheit zur Sicherung ihrer Zukunft geschaffen wäre, wird durch den gesamten Untersuchungsgang und die Beweisführung des Buches überzeugend belegt.

Mit der Erarbeitung dieses Konzeptes der Menschheitsinteressen ist ein qualitativ neuer Politikansatz gelungen, dessen produktive Potenzen erst einmal von der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit erkannt werden müssen. Zugleich ist damit, wie der Autor ausdrücklich betont, erst ein Anfang, ein erster Schritt gemacht worden, dem eine systematische Ausarbeitung dieses Problemkomplexes und vielfältige Umsetzungen ihrer Ergebnisse in der Praxis folgen müssen. Ich bin überzeugt, dass mit diesem Buch und dem Aufgreifen seiner grundlegenden Thesen allen humanistischen Bewegungen und Kräften sowohl eine wesentliche theoretische Grundlage als auch ein Integrationspotenzial gegeben worden ist, um über alle Unterschiede und Gegensätze hinweg eine global politikfähige und weltweit wirksame zivilgesellschaftliche Gegenkraft zu den heutigen Machthabern mit ihren verhängnisvollen Gruppen- und Kurzzeitinteressen zu formieren.

Rolf Hoth versucht bewusst nicht, die Menschheitsinteressen umfassend darzulegen; sein m. E. richtiges Argument: Diese zentrale Aufgabe unserer Epoche kann optimal nur mit wissenschaftlichen Methoden, interdisziplinär, international unter Schirmherrschaft der UNO erfüllt werden, ebenso die unerlässliche Kodifizierung ihrer Ergebnisse. Dieser sicher einzig sinnvolle Weg wirft natürlich eine Fülle von Fragen auf, von denen ich nur wenige skizziere: Wie wird ein solches Gremium von Wissenschaftlern und Vertretern zivilgesellschaftlicher Kräfte formiert, strukturiert? Wie wird es vor der Instrumentalisierung durch ökonomische, politische usw. Machtgruppierungen geschützt? Wie wird die Weltöffentlichkeit möglichst demokratisch und produktiv in diesen Prozess der Erarbeitung und Konsensfindung einbezogen? Mir scheint der zurzeit günstigste Weg zu sein: Der zweite Erdgipfel in Johannesburg berät und beschließt, dieses wahrhaft lebenswichtige Vorhaben als eine der entscheidenden Aufgaben der Völkergemeinschaft mit klarer Zielsetzung, Zeitbestimmung und Verfahrensweisen zu realisieren.

Die persönlichen bitteren Erfahrungen des Autors mit Subjektivismus und Konformismus in der DDR und bis heute haben sicher dazu beigetragen, dass er immer erneut deren Mechanismen, Praktiken und Auswirkungen anprangert, was zu Wiederholungen und damit auch zu Längen führt. Diese Kritik schränkt den großen Wert dieses Buches in keiner Weise ein.

Dank für dieses Buch!

Hans Marnette